Mein Absturz ins Rollenspiel
Die Anzeichen waren da. Man hätte es vorher absehen können. Mein langsames Hineinschlittern in den Eskapismus beziehungsweise ins Rollenspiel.
Mein erster PC
Schon mit zehn Jahren ließen meine Eltern mich vom Kommuniongeld meinen ersten PC kaufen. Welch fataler Fehler! Ein Pentium 2 mit 450 Megaherz und 12 Gigabyte Speicherplatz. Heutzutage habe ich das 5-fache… in meinem Smartphone. Doch 1997 war ich glücklich wie Bolle, als ich meinen ersten eigenen Computer aus dem Lidl trug. Es folgten Jahre voller Freude, Wut und LAN-Partys mit Röhrenmonitoren, die mir jugendlichen Gamer beinahe das Kreuz brachen.
Nebenbei wurde auch eine kleine, aber feine Buchreihe über einen Typ namens Harry Potter verlegt. Diese Bücher verschlang ich – Silke und Philipp übrigens auch – innerhalb von Tagen. Sobald sie auf dem deutschen Markt erhältlich waren, zogen wir sie in streitvollen Schichten in unsere Köpfe. Vorher hatte ich auch schon in der Dorfbücherei Kontakt mit Fantasy Literatur, doch Harry Potter holte mich sehr viel besser ab. Vielleicht weil ich gerade 11 Jahre alt war, als ich anfing, die Bücher zu lesen.
Anfangs hielten meine Eltern es sicherlich noch für eine Phase, doch als ich die Welt der Video-Rollenspiele entdeckte, kamen langsam Zweifel auf. Ich begeisterte mich für die Gothic Reihe, macht die Welt von Albion in Fable unsicher und kämpfte in Heroes of Might and Magic mit Taktik auf der Seite der Zuflucht. Dank dieser Spiele bekam ich viereckige Augen und machte so manche Nacht zum Tage.
Schicksalshafte Begegnung
Meine Begeisterung für Mittelalter und Fantasy hielt an und deshalb entschloss ich mich eines Tages bei einem Training einer Mittelalter Schaukampfgruppe mitzumachen. Dort lernte ich neue Leute kennen und erfuhr, wie schwer so ein einfaches Schwert sein konnte. Unter anderem freundete ich mich auch mit Gerd an.
Wie ich nach einiger Zeit erfuhr, war er der Besitzer eines Comicladens. Mir waren zwar die einschlägigen Comicfiguren aus den beliebtesten Universen bekannt, doch Gerd bot nicht nur Graphic Novels in seinem Geschäft an. Dort konnte man Fantasy und Science-Fiction Literatur, sowie Brett- und Rollenspiele finden.
Mein erster Rollenspiel-Abend
Irgendwann lud Gerd mich auf einen Rollenspiel-Abend ein. Ich hatte meine Zweifel, ob das etwas für mich war. Freunde hatten schon von ihren Erfahrungen berichtet, doch es fiel mir schwer zu verstehen, wie dieses Spiel funktionierte. Sie erzählten davon, als ob sie diese Dinge tatsächlich erlebt hatten. Das war als Zuhörer sehr verwirrend.
Ich meinte zu ihm, dass ich lieber erstmal zusehen wolle, doch da widersprach er mir: “Nein, zuschauen ist nicht. Wer dabei ist, spielt mit.” Da ließ er nicht mit sich reden. Schlussendlich siegte meine Neugier und an dem Abend erschuf ich meinen ersten Pen & Paper Charakter. Beogard hieß er. Zwerg war er, Brauer und Grobschmied hatte er gelernt und mit einem großen Stielhammer im Gepäck zog er durchs Land. Schon legten wir los und ich hatte immer noch keine Ahnung, wie das Spiel funktionierte.
Wir waren sieben Spieler und Gerd als Spielleiter. Er beschrieb, wie jeder Einzelne von uns in einer großen mittelalterlichen Stadt ankam. Ich kann mich leider nicht mehr an den Namen dieser Stadt erinnern, aber man feierte dort gerade Oktoberfest. Die Brauereien luden zum Feiern ein und die Straßen waren belebt. Überall gab es etwas zu Essen und Trinken und die gute Laune der Menschen schlug einem entgegen. Dann stellte Gerd mir die Frage, die mein Leben veränderte: “René (Beogard), was tust du?”.
Ich war es von meinen Videospielen gewöhnt, Möglichkeiten geboten zu bekommen, oder die Grenzen auszuloten. Da mir Gerd keine Vorschläge machte, probierte ich mich aus. Als Brauer war Beogard natürlich an dem kühlen Bier der vielen Brauereien interessiert. Deswegen steuerte ich ihn in zwei oder drei Brauereien, um zu begreifen, wie das Spiel funktionierte und wann Gerd mich stoppte und mir die Grenzen der Spielwelt aufzeigte.
Doch Gerd blieb still und ich wunderte mich, wie er das Ganze hätte ausarbeiten können, ohne zu wissen, was ich tun würde. Ich muss zugeben, dass ich einige Stunden brauchte, um zu verstehen, wie das funktionierte. Dann traf mich die Erkenntnis wie ein Blitz – Gerd improvisierte! Das bedeutete für mich im Umkehrschluss unendliche Freiheit im Spiel. Von da an wuchs meine Begeisterung von Spieleabend zu Spieleabend.
Danke an Alle
Videospiele verblassten im Vergleich zum Pen & Paper Rollenspiel. Die Freiheit war grenzenlos. Ich konnte meiner Kreativität freien Lauf lassen. Videospiele hingegen waren für mich mittlerweile so einschränkend und meine Grafikkarte im Kopf war leistungsfähiger als die in meinem PC.
Die erste Spielrunde bestand aus sieben Spielern und einem Spielleiter und dauerte ungefähr zwei Jahre an (so genau weiß ich es nicht mehr). Für diese Zeit möchte ich mich bedanken. Sie hat mein Leben verändert, meine Art des Spielens geprägt und mir Dinge beigebracht, die ich ohne sie nie gelernt hätte.
Danke Gerd, Katha, Carsten, Marco, Michel, Stefan und Johannes. Ihr habt maßgeblich dazu beigetragen, mich zu dem zu machen, der ich heute bin – ein rollenspielsüchtiger Nerd 😉
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Ein Kommentar
Patrick
Wuhu Pen and Paper!